Schafsein – ich liebe Glennkill

Bei diesem Krimi scheiden sich die Geister…so auch bei unserer kleinen, feinen Nachverkostung der Rheinhessen Weine (dazu demnächst hier auch mehr. Versprochen). Entweder man liebt Glennkill oder man hat das Buch nach 40 Seiten entnervt aus der Hand gelegt und rührt es nicht mehr an.
Ich gehöre zur ersten Kategorie – und zwar nicht, weil ich Krimis liebe! Was ich allerdings wirklich tue.

Sondern weil mich die Schafsbeschreibungen faszinieren und „ihre“ Denkweise und Lebenseinstellung mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen holt.

Der Krimi tritt da völlig in den Hintergrund. Doch die Idee, dass „sich wegdrehen und erstmal alle gemeinschaftlich kauen“ Probleme löst, fasziniert mich immer wieder. Und es stimmt ja auch ein stückweit. Warum sollen wir denn sonst „bis zehn zählen“ oder „eine Nacht drüber schlafen“. Denn auch das hilft die Dinge in einem anderen Licht und Zusammenhang zu sehen und ausgewogener zu reagieren.
Jedenfalls bei mir… wenn ich es im Eifer des Gefechts hin bekomme 😉

So habe ich natürlich auch das Hörbuch (das ist leider gekürzt – ich würde mir glatt noch mal eine vollständige Lesung zulegen). Andrea Sawatzki liest, sehr unaufgeregt und klar und erklärt die Welt aus der Sicht der Schafe:

Schafe sind normalerweise kein geschwätziges Volk. Das liegt daran, dass sie oft den Mund voll Gras haben. Es liegt auch daran, dass sie manchmal nur Gras im Kopf haben. Aber alle Schafe schätzen gute Geschichten. Am liebsten hören sie nur zu und staunen – auch deshalb, weil man gleichzeitig zuhören und kauen kann. Seit George ihnen keine Geschichten mehr vorlas, fehlte etwas in ihrem Leben. Deswegen kam es manchmal vor, dass ein Schaf den anderen eine Geschichte erzählte….

…Mopple erzählte die Geschichten, die George ihnen vorgelesen hatte. Er hatte sich alles gemerkt, und seine Geschichten konnten fast so schön sein wie Georges Vorlesestunden vor dem Schäferwagen. Sie waren nur nicht so lang. Irgendwann bekam Moppel Hunger, und dann war die Geschichte aus. Je schöner die Geschichte, also je mehr Wiesen, Weiden und Futter in ihr vorkamen, desto schneller war sie auch zu Ende. Die eigentliche Spannung lag oft nicht mehr in den Geschichten selbst, sondern in der Frage, wie weit sie dieses Mal kommen würden.
(Aus Glennkill von Leonie Swann)

Oder auch ihre Sicht auf die Menschen:

„“Segne dieses Vieh“, sagte er. Der andere roch schlecht, und es machte mir Angst. Er wusste nicht, wie er mich anfassen sollte, aber er nahm mich mit. Sein Haus war das größte im Ort, groß und spitz wie er selbst. Er sperrte mich in seinen Garten. Ganz allein. Da war ein Apfelbaum, aber er hatte ihn eingezäunt, und die Äpfel sind einfach am Boden verfault.“

Einige Schafe blökten empört. Cloud schauderte.

„Dann strömten auf einmal viele Menschen in das Haus. Sie brachten Hunde mit, fremde Schafe und ein Schwein. Ich musste auch hinein. Es war ein schrecklicher Lärm, aber der Langnasige sprach mit lauter Stimme, und jeder konnte ihn hören. „Willkommen im Haus Gottes!“ Das hat er gesagt. Das und andere Dinge.“ Sie machte eine Pause und sah nachdenklich aus.

„“Gott“ heißt er also“, sagte Sir Ritchfield.
Othello machte ein seltsames Gesicht. „Gott?“

„Vielleicht“, sagte Cloud unsicher. „Aber nach und nach fand ich heraus, dass sie ein Lamm verehrten. Das schien mir ein schöner Gedanke. Alle diese Menschen verehren ein Lamm, aber ein besonderes Lamm. Sie nannten es „den Herrn“. Dann kam Musik, wie aus dem Radio, nur… schiefer. Ich sah mich ein bisschen um und erschrak furchtbar. An der Wand hing ein Mensch, ein nackter Mensch, und obwohl er aus vielen Wunden blutete, konnte man das Blut nicht riechen.“ Sie wollte nicht weitererzählen….

…“Dieser „Gott“ scheint mir ziemlich verdächtig“, sagte Mopple. „Er hat anscheinend schon mehrere Leute auf dem Gewissen. Das mit dem Lamm ist wahrscheinlich nur ein Vorwand. Du hast ja gemerkt, dass er mit Lämmern nicht umgehen kann.“
(Aus Glennkill von Leonie Swann)

Eine vergleichbare Wirkung hat übrigens „Per Anhalter durch die Galaxis“ auf mich – wenn ich über den menschlichen Unverstand verzweifele und mich frage, welch verkorkste, kaputte Welt wir unseren Kindern hinterlassen, dann lese ich dieses Buch und sehe ein, dass wir nicht der Nabel, sondern nur ein Hauch im Universum sind. Und das tröstet mich irgendwie… und ich sorge dafür, dass mein Sohn immer ein Handtuch dabei hat 😉

Ach ja – wer mehr über den Schafskrimi erfahren will, sollte sich mit den Rezensionen bei Perlentaucher auseinandersetzen… und das Buch vielleicht doch noch mal lesen!

4 Antworten auf „Schafsein – ich liebe Glennkill“

  1. Na gut, vielleicht sollte ich es doch noch einmal mit den Schafen versuchen 🙂 Lieben Dank für den sehr schönen Abend, auch wenn wir die Kirschblüte ein klein wenig etwas außer Acht gelassen haben. Durch das nette Beieinander, den süffigen Wein und das LECKERE Essen ist das gar nicht weiter aufgefallen 🙂
    Herzliche Grüße
    Claudia

  2. Auch ich fand den Abend – ohne Kirschblüten (wobei Andreas Baum ja prachtvoll aussieht) – lustig und lecker. Danke an alle, die so spontan mit dabei waren.
    Und bitte: ich liebe dieses Buch, aber verstehe auch jeden, der es nicht mag…. dafür mag ich keinen Fenchel! Damit ihr es wisst 😉

  3. Pingback: Mahlzeit!

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