Zeitlos, robust und nachhaltig – wie Renate Müller das Spielen neu erfand

Noch herrscht ein wenig Chaos im Erdgeschoss des Spielzeugmuseums Sonneberg. Aber man sieht schon deutlich, wie es werden soll. Es sind Feinheiten und kleine Verbesserungen, die mit Nadel und Faden, Klemmen und Kleber, Schnur und Knoten bis zur Eröffnung noch umgesetzt werden wollen.

Überall wird noch gewerkelt

Der Herausforderung, 60 Jahre Schaffenslust von Renate Müller auf 180 Quadratmetern zu präsentieren, begegnet das Team um Christine Spiller, der Leiterin des Museums, mit Kreativität: sie „bespielen“ nicht nur die Sonderfläche des Erdgeschosses, sondern nutzen auch die ständigen Exponate Müllers im zweiten Stock.

Dort gibt es neben dem öffentlichen Spielbereich der 2012 mit ihrem Kollegen Bernd Rückert gestaltet wurde, auch im Japanbereich eine Präsentation „17 Jahre Kontakte mit japanischen Kindereinrichtungen“ und die Dauerpräsentation der Entstehungsgeschichte der Rupfentiere. Diese Exponate werden dort belassen, wo sie eh sind.

Rupfentiere

Sie sind der Ausgangs-, Dreh- und Angelpunkt von Renate Müllers Spielzeugdesign und heutzutage weltbekannt. Die Idee der schlichten, großen Figuren aus Rupfen, einem derben, relativ lockeren Gewebe aus Naturzellwolle und Jute, erhielt sie im Studium. Helene Haeusler ermutigte ihre Schüler Anfang der 60er Jahre, sich dieses Materials anzunehmen, um sich sozusagen vom herrschenden Sonneberger Plüschtier-Hype zu befreien. Die StudentInnen sollten auch gern mal größere Tiere gestalten, auf die die Kinder klettern und auf denen sie auch sitzen könnten.

Renate Müller nahm diese Aufgabe mit Begeisterung an. Sie verfeinerte Gestaltung und Verarbeitung und startete einen ersten Versuch auf der Leipziger Herbstmesse 1967 mit zwei Nashörnern.

Die Rechte an den Urmodellen der Studentinnen – Nashorn (Gudrun Metzel) – Ente (Elfriede Fritsche/Bätz) und einer kleiner Würfel, die unter der Regie von Helen Haeusler entstanden, wurden durch die Firma H. Josef Leven KG von der Fachhochschule erworben. Dieser war der Betrieb von des Vaters, der sonst Plüschtiere und Stoffpuppen herstellte. 

Einzelne Arbeitsschritte bei einem Rupfentier

In engem Austausch mit Rehabilitationskliniken erschuf Renate Müller im Laufe der Jahre und Jahrzehnte rund vierzig unterschiedliche Spielfiguren, -modelle und -systeme und erhielt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen. Diese wurden Anfangs in Kleinstserien in der Produktionsfirma ihres Vaters hergestellt. 

Ihre Figuren fertigt sie aus natürlichen Materialien, die Formen sind schlicht, die Farbgebung reduziert. Es geht nicht um Niedlichkeit, sondern um Tasten, Greifen, Turnen. Um Langlebigkeit, Originalität und Kinderwunsch.

Gemeinsamkeit schaffen

Großen Wert legt Renate Müller seit jeher auf Nachhaltigkeit, sozialen Zusammenhalt und Kreativität. Auch in den späteren Jahre bei der Gestaltung und Verwirklichung von Spielplätzen und Projekten im öffentlichen Raum. Sie erinnert sich unter anderem an das Kindergartenprojekt in Mengersgereut-Hämmern oder in Suhl-Albrechts.

„Vor allem zu DDR-Zeiten hat jeder etwas beigetragen. Da haben die Eltern gesagt, der eine Vater hat eine Kettensäge, dann kamen der Pfarrer, der Parteisekretär, der Bürgermeister dazu. Und die Kinder und alle haben am Wochenende mitgearbeitet. Nicht so wie heute, wo einer den Auftrag bekommt und organisiert. Ich habe immer von der Idee bis zur Ausführung alles gemacht. Alles begleitet bis zur letzten Schraube, bis zur Eröffnung.“

Christine Spiller und Renate Müller beim Aufbau

So wie auch hier im Sonneberger Spielzeugmuseum, wo sie es sich nicht nehmen lässt, bis zuletzt die Ausstellung zu perfektionieren. 

Coburger Designforum Oberfranken

Wie viel Arbeit im Aufbau einer solchen Ausstellung steckt, ist von außen schwer zu erkennen. Die Planung startete vor rund 2 Jahren, seit einem halben Jahr, mit Unterstützung durch das Coburger Designforum. Es ist ein natürlicher Wachstums- und Entwicklungsprozess, den Elena Maria Fischer als Innenarchitektin begleitete, „In vielen Schritten, Gesprächen, Kommunikation und Austausch hat sich das Konzept entwickelt. Mit Ideen von Renate und Christine. Irgendwie ist dann alles entstanden, auch in letzter Minute hier vor Ort.“

Elena Maria Fischer rückt die Exponate ins perfekte Licht

„Ich glaube, wir waren einfach, wie Renate auch schon gesagt hat, ein gutes Team, jeder hatte seine Aufgaben, jeder hatte immer ein Auge für die gewissen Dinge,“ freut sich die Coburgerin, die mit einem ganzen Team am Start war. Auch wenn immer ein wenig Wehmut mitschwingt, wenn die Ausstellung steht. Das ist der Höhe- und Schlusspunkt ihrer Projektarbeit. 

Nachhaltigkeit – immer mitgedacht

1978 verließ Renate Müller den ehemals väterlichen Betrieb, der 1972 mit der Verstaatlichung zum „VEB Therapeutisches Spielzeug“ und 1976 Teil des Spielzeugkombinats „VEB sonni“ wurde, um sich selbständig zu machen. Um wieder Spielzeug entwerfen zu können. Nur als Mitglied des Künstlerverbandes (VBK-DDR) war dieser Schritt zur eigenen Werkstatt möglich.

Bis zur Wende hat der „VEB sonni“ die Plüschtiere und die kompletten Kollektionen des therapeutischen Spielzeugs erfolgreich weiterproduziert. Ganz ohne Renate Müller. 

Ihr Arbeitsplatz

Renate Müller erinnert sich an zwölf Pappeln, die altersbedingt gefällt werden mussten und die dann auf ihrem Holzplatz lagen, „wie mein Mann nach seiner Sprechstunde abends mit mir und dem Wendehaken die Stämme sortiert hat. Ich habe dann in der Nähe den großen Spielgarten gebaut, in Sonneberg, aus diesen Pappeln. Also da wusste man auch irgendwie vorher nicht, was man da draus macht.“ Zumal der Förster dann noch eine Eiche dazulegte und alle irgendwie mit anpackten. 

„Es war einfach ein wenig Idealismus dabei und die Kinder haben sich bei mir entschuldigt, dass der Papa diese Woche nicht kommen kann, weil er Spätschicht hat. Aber dafür bäckt die Oma Pfannkuchen, und der Opa bringt die Tauben mit, wenn wir Eröffnung haben. Da lässt er seine Täubler fliegen – das war wie ein kleines Volksfest,“ erinnert sie sich. 

Ab 1980 war Renate Müller mit vielen anderen Künstlern in der Arbeitsgruppe „Kindumwelt“ engagiert. „Fröbelsches Gedankengut heute“ war eines der ersten Projekte für den Kindergarten Oberweißbach. In diesem Rahmen entstanden die bunten Spielvögel.

Ein weiteres Projekt der Arbeitsgruppe war die Ausgestaltung des Pionierhauses in Oberhof. Die Sitz- und Spielbauelemente waren Renate Müllers Beitrag – der später auch die New Yorker begeisterte.

Multifunktionalität ist Renate Müller wichtig: „Wir haben nichts erfunden oder ausgedacht, wo Kinder nur Zuschauer sind.“

Nach der Wende forderte sie von der Treuhand in Suhl den elterlichen Betrieb zurück. Mit allen Maschinen, Schnitten und Rechten, teilweise musste sie für die Rückgabe bezahlen. Sie bildet bis heute die Basis ihrer Werkstatt.

Dennoch brach nach der Wende erstmal die Nachfrage ein: Alle wollten das Westspielzeug. Plastik statt Jute. 

Es dauerte lange, bis sich das änderte und Renate Müller gestaltete daher mehr im öffentlichen Raum. Gern mit befreundeten Künstlern, Handwerkern und Firmen aus der Region. 

Design trifft Handwerk

2010 gelang den Rupfentieren der Sprung nach New York. Der Galerist Evan Snyderman hatte gezielt nach der Mutter der Tiere gesucht, weil er sie sammelte und lud Renate Müller zu ihrer ersten Soloausstellung in die Galerie R20th Century ein. 

Zwei Jahre später durften ein Vintage-Nilpferd und das Spielelemente-System von 1985 (Pionierhaus Oberhof) bei der Ausstellung „Century of the Child“ im MoMA (Museum Of Modern Art, New York) dabeisein. Renate Müller gilt als eine der Pinonierinnen des Spielzeugs, gemeinsam mit Margarete Steiff, Käthe Kruse, Alma Siedhoff-Buscher und Caroline Märklin (um nur einige zu nennen).

Die Fülle der Exponate zeigt nur einen Teil ihrer Werke

Die Rupfentiere sind nach wie vor Bestandteil ihres Lebens. Der Entsorgung von Reissäcken eines türkischen Ladens in Sonneberg, kann sie nicht zuschauen, sondern fertigt kleine buntbedruckte Tiere daraus – jedes ein Unikat. 

Die Retrospektive zu Renate Müller ist noch bis 19. April 2026 noch bis 7. Juni 2026 im Spielzeugmuseum Sonneberg zu sehen. (Aufgrund der großen Nachfrage, wurde die Ausstellung über das Puppenfestival verlängert).

 

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