Märchen sind systemrelevant!

Ich ärgere mich. Fast, nein täglich. Über Menschen, die über „systemrelevant“ und „nicht systemrelevant“ diskutieren, ohne zu verstehen, dass es mehr gibt als Hunger und Durst, Besitz und Gewinn. Natürlich sind die Grundversorgung mit Nahrung und unser funktionierendes Gesundheitssystem elementar. Aber die Bedeutung von Hoffnung, Solidarität und Menschlichkeit darf einfach nicht unterschätzt werden. Märchen treffen ins Herz und bleiben darin. Sie machen Mut, setzen auf alte Moralaspekte wie Gerechtigkeit, Tapferkeit und Liebe. In Märchen wird (fast) alles gut und das gibt uns Menschen Halt und Zuversicht. Gerade in Zeiten, die Angst machen…

MausUnd so schlage ich euch hier nach und nach einige Märchen und Geschichten vor, die hoffentlich dem ein oder anderen einen neuen Blick vermitteln. Lest doch mal wieder:

„Frederick“ von Leo Lionni

Der griechische Denker Äsop gilt als erster, der Tierfabeln nutzte, um Geschichten zu erzählen.  Er lebte wahrscheinlich im 6. Jahrhundert vor Christus. Auf ihn soll die Grundidee dieser Geschichte zurückgehen. 

Allen Versionen gemein ist die unterschiedliche Vorbereitung der Tiere auf den Winter: die einen sammeln Vorräte, die anderen machen Musik und sammeln glückliche Erinnerungen. Gebraucht wird beides. Aber das Verständnis für diejenigen, die ihre Zeit nicht „produktiv“ nutzen, kommt manchen (leider nicht mal allen) erst im Winter, wenn die Stimmung mit der Temperatur sinkt und die Hoffnung flöten geht. 

„Die Ameise und die Heuschrecke“

Im 17. Jahrhundert schreiben Jean de La Fontaine und Abraham a Sancta Clara die Geschichte einer Heuschrecke, die Singend durch den Sommer zieht. Als sie im kalten Winter die fleißigen Ameisen um Hilfe bittet, weisen diese sie ab. „Faulenzen bringe kein Brot ins Haus…!“

„Die Grille und der Maulwurf“

Bei Janosch wird die Grille von Maus und Hirschkäfer ebenfalls abgewiesen. Aber der Maulwurf nimmt sie auf und beide verleben einen musikalischen Winter, in dem sich die Grille auch mit mehr als Musik nützlich macht.

„Frederick“

Leo Lionni, ein italienischer Autor, Grafiker und Maler geht mit der Maus Frederick 1967 noch ein Stückchen weiter. Während seine Familie für den Winter Vorräte anlegt, sammelt Frederick Sonne, Farben und Wörter. Und teilt diese Vorräte, als alle anderen zur Neige gehen… 

Er schickt ihnen die Wärme der Sonne, die Bilder des Sommers und schließlich ein Gedicht über sich und seine Geschwister, die als Frühling, Sommer, Herbst und Winter ganz unterschiedliche Aufgaben haben, die aber alle für die Familie und das Überleben gleich wichtig sind.

Leo Lionni
Frederick
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Günter B. Fuchs
Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN:978-3-407-77040-0

Es ist natürlich nicht nur die Geschichte, sondern vor allem auch die Illustrationen, die hier den Reiz ausmachen. Für mich ein klarer Beweis, dass Musik, Malerei, Literatur, Tanz und alle anderen Formen von Kunst gleichwertig zu betrachten sind und sich ergänzen. Wir brauchen sie alle.

Hier findet ihr noch mehr zu Leo Lionni, der die Welt der Kinderbücher mit abstrakten Zeichnungen erweiterte und dessen Geschichten Platz für eigene Ideen lassen. 

Über Märchen

Märchen und Geschichtenerzähler tauchen nicht nur gern als verbindendes Element in den heutigen Fantasyromanen auf, sondern begleiten die Menschen seit jeher. Die Göttergeschichten und Mythen der Antike, aber auch die Geschichten der Bibel zeigen, wie Storytelling gute von schlechten Geschichten trennt.

Scheherazades „Tausend und eine Nacht“ schickt die Europäer auf eine Reise in den Orient, in dem diese Erzählungen schon seit Hunderten von Jahren kreisen. Die Brüder Grimm sammeln ebenfalls im 19. Jahrhundert das Märchen-Kulturgut Deutschlands und sind bis heute mit Schneewittchen, Aschenbrödel, Rotkäppchen & Co die Väter einer ganzen Märchen-Film-Geschichten-Theater-Fantasy-Welt.

Dies Märchen waren eigentlich gar nicht für Kinder bestimmt – nicht, weil sie zu grausam sind, sondern weil Erotik ein wichtiger Bestandteil ist – also war 😉 

2 Antworten auf „Märchen sind systemrelevant!“

  1. Märchen und Kindergeschichten, auch Gedichte, sind wichtige Ressourcen. Danke, liebe Anne, dass Du das Thema aufnimmst. Gerade in Zeiten wie heute sollen wir uns auf die Kraft von Erzählungen besinnen. «Grosse Notfälle und Krisen zeigen uns, um wie viel grösser unsere vitalen Ressourcen sind als wir selbst annahmen», schrieb der amerikanische Psychologe William James bereits im vorletzten Jahrhundert.
    Insbesondere viele Kinderbücher sind Metaphern, die viel Lebensweisheit enthalten. Sie regen das Denken an und zeigen wichtige Wert auf.
    Pippi Langstrumpf ist beispielsweise eine Geschichte, die sich wie Frederick gegen das dominante Leistungsprinzip unserer Gesellschaft wendet. Spass haben, Lebensfreude, Leichtigkeit und Kreativität sind Werte, die wir uns viel zu selten erlauben, lustvoll auszuleben. „Nach der Arbeit kommt das Spiel!“ So ein Blödsinn!
    Es geht ums SEIN und HABEN. „Haben“ ist wie „Leistung“ dominant im Denken, Fühlen und Handeln vieler Menschen in der westlichen Welt. Frederick und Pippi und viele andere Kinderbuchheldinnen und -helden zeigen, was SEIN bedeuten kann.
    Deine wunderschön gemalte bunte Maus wird meine Metapher, die mir Kraft und Frechmut gibt, wenn ich mein Leben mal wieder mit einem Grauschleier überziehe, lamentiere, weil ich nichts auf die Reihe kriege, was Geld bringt: „Ich male mir mein Leben so bunt wie Anne ihre Maus!“
    Denn letztlich ist jeder selber für die Farbe seiner Mäuse (Gedanken) zuständig. Das ist immens wichtig, denn mit der Zeit nimmt die Seele die Farben der Gedanken an.

  2. Liebe Regula,

    wir zwei haben es zum Glück gar nicht so schwer, denn wir wissen um die wichtigen Dinge und haben nicht nur einander, sondern auch andere Menschen. Es freut mich, wenn dir meine Maus gefällt – ich habe durch eine Kollegin/Freundin mit dem Malen wieder angefangen und dies ist sozusagen mein Debüt.

    Wir sehen uns hoffentlich ganz bald und können dann kichernd die Köpfe zusammen stecken, den Aperó genießen und gemeinsam auf Fotosafarie gehen.
    Alles Liebe
    Anne

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