Wendland im Wandel – Fluch und Segen

Manchmal ist es gar nicht so schlecht, am Ende der Welt zu leben. Also am Ehemaligen. Was zur Zeit der deutschen Trennung mal am Rand lag, ist heute schließlich mittendrin. Geografisch gesehen. Und es ist lebendiger, vielfältiger und schöner als je zuvor – das Wendland 🙂

Zonenrandgebiet Wendland

Das Wort sollte man sich doch einfach mal auf der Zunge zergehen lassen: Zonen-Rand-Gebiet… das klingt nach abgehängt, überflüssig, alt. Und ist ja nicht meiner Kreativität geschuldet, sondern dem Gesetz zur Förderung dieses Gebietes entlang der Grenze zum Ostblock von 1971. Also allerbestes verschwurbeltes Bürokratendeutsch.

Bekannt wurden das Wendland und der Landkreis Lüchow-Dannenberg durch die Proteste in und um Gorleben und heftig umkämpfte Castortransporte. Mit einem Federstrich entschieden 1977 Bundes- und Landesregierung, hier eine Wiederaufbereitungsanlage und ein Endlager zu errichten. Der Landkreis galt als konservativ und bäuerlich und daher rechneten die Politiker nicht mit allzugroßem Widerstand. Arbeitsplätze fehlten in dieser dünn besiedelten Region und Landwirte kümmern sich zum Glück eher um ihren eigenen Kram.

Gorleben
Mahnmal vor dem Eingang zum Salzstock in Gorleben – ein altes Aktionsschiff von Greenpeace

Die Atomproteste

„Als Teil einer Bauernfamilie ist es für dich von Anfang an klar – du hast Verantwortung für das Land. Durch Gorleben wurde allen bewusst, dass das ganz plötzlich weg sein kann. Und dafür hat deine Familie dann viele Generationen gearbeitet. Von heute auf morgen ist alles vorbei, “ für Barbara Kenner ein grauenhafter Gedanke. Und nicht nur für sie.

Schnell entwickelt sich Widerstand und Protest. Es sind die braven CDU-Wähler, die in den 80er Jahren aufbegehren. Zur großen Überraschung der Politik. Und wahrscheinlich auch zu ihrer Eigenen… 

Atomkraft Nein Danke

„Ich habe in der Schule viele kritische Texte gelesen. Das war damals gar nicht so verbreitet und mir natürlich nicht klar. Aber unserer Lehrerin hat gesagt: In Deutschland haben wir die Klappe nicht zur richtigen Zeit aufgemacht, das bereut jetzt das ganze Land. Da wurde mir gleich klar – so darf es nicht wieder sein. Und wir haben laut protestiert,“ erinnert sich Barbara.

Barbara Kenner
Barbara Kenner liebt das Wendland

Verlassen und unterstützt

„Als ich 18 war, war ich auf einer der bösesten Demos, die hier je stattgefunden haben. Die sind mit Hubschraubern über Danneberg geflogen, die Polizisten haben die Leute durch ihre eigenen Gärten gejagt. Eine Frau hat durch einen Wasserwerfer ein Auge verloren,“ Barbara kann das nicht vergessen. Will sie wohl auch nicht.

„Das Gefühl, völlig ungerecht behandelt zu werden, hat uns erschüttert. Der Landkreis wurde kriminalisiert. Es gab eine Anweisung, nicht mehr alle Strafdelikte aufzuschreiben, denn wenn 20.000 Polizisten auf 40.000 Menschen treffen, dann fällt jede Kleinigkeit auf und wir waren absolute Spitzenreiter im Deutschlandvergleich. Obwohl ja eigentlich gar nicht mehr los war hier. Wir waren von der Politik verlassen, von Deutschland aber wurden wir unterstützt. Die kamen von überall zu den Demonstrationen. Das hat was mit den Menschen hier gemacht,“ ist sich Barbara sicher. 

Seit den ersten Castortransporten 1984 wurde jeder Transport zu einem Machtkampf zwischen der Staatsgewalt und den Demonstranten. 

Blick in die Zukunft

Heute zeichnet dieselbe Region eine friedliche Co-Existenz auf unterschiedlichen Ebenen aus. Keine Abgrenzung, sondern weiche, durchlässige Schichten unterschiedlichster Lebensentwürfe. 

Katze streicheln„Alle haben Toleranz gelernt – heute ist es zum Beispiel im Kindergarten so: ein Drittel der Eltern kommt aus der Stadt – da sagt das andere Drittel, das von hier ist „naja – die kommen halt aus der Stadt und machen das anders – sollen sie doch“, und das letzte Drittel sagt sich „ach – vielleicht sollte man mal schauen, wie es ist, es anders zu machen,“ das freut Barbara sichtlich.

Alternative Wendland

Die Faszination der Rundlingsdörfer hat die Städter schnell gepackt. Es sind sechs Gebiete im Wendland, in denen sich die Rundlinge gut bewahrt haben. Die Kernzone eines möglichen Weltkulturerbegebietes liegt um Niederer Drawehn Ost und West. Die meisten der Häuser in Örtchen wie Gühlitz, Naulitz, Meuchefitz, Neritz aber auch Köhlen, Lübeln oder Satemin haben inzwischen den ein oder anderen Besitzerwechsel und Umbau hinter sich. Viele eine Glastür statt des großen Tors „Groot Dör“ und natürlich das gelbe Wendlandkreuz gut sichtbar an der Hausfront.

Rundlingsdorf Köhlen
Rundlingsdorf Köhlen

Die rund 200 Rundlingsdörfer sind im Mittelalter entstanden. Rund um einen Platz wurden Zwei-, Drei- und Vierständerhallenhäuser nebeneinander gebaut. Die Fachwerkgiebel des Wirtschaftsteils und die „Groot Dör“ sind zum Dorfplatz ausgerichtet, reich verziert, mit Segenssprüchen und Weisheiten gestaltet.

Häufig sind es kleine Dörfer mit drei bis zwanzig Höfen. Warum so gebaut wurde, ist nicht wirklich eindeutig geklärt. Der Wohnbereich befand sich im hinteren Teil des Gebäudes. Das was so prächtig daher kommt ist also eigentlich der Hintereingang 🙂

Ursprüngliche Bauweise eines Rundlingshauses
Ursprüngliche Bauweise eines Wendlander Fachwerkhauses

Alternative Wohn- und Lebensmodell sind im Wendland gefühlt eher Regel als Ausnahme. Zahlreiche Höfe werden von solidarisch landwirtschaftlichen Genossenschaften mit alternativen Anbauweisen bewirtschaftet. Es gibt Selbstversorger, Lebensgemeinschaften, Künstler, Spinner und natürlich auch konventionelle Landwirte. Die Mischung machts.

Einige Rundlinge sind fest in Genossenschaftshand und bilden sozusagen eine Dorf-WG. Der Dorfplatz bietet sich da natürlich als perfekt geschützter Kinderbereich an. Vielleicht war das ja im Mittelalter auch schon ein Grund?

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen“ 

Rundlingsmuseum Wendlandhof Lübeln
Rundlingsmuseum Wendlandhof Lübeln

Deutsches Endlager für Atommüll

Die Geschichte Gorlebens ist immer noch nicht abgeschlossen. Bis 2031 soll die Suche nach einem geeigneten Endlager für hoch radioaktiven Atommüll innerhalb Deutschlands abgeschlossen sein. Die Suche soll ergebnisoffen, transparent und nach wissenschaftlichen Kriterien erfolgen. Die Atomkraftgegner trauen der Sache allerdings nicht. Denn auch wenn der Salzstock in Gorleben heute als wenig geeignet eingestuft wird und im April 2019 eine „Abschlussfahrt“ durchgeführt wurde, scheint die Idee sich in einigen Köpfen festgesetzt zu haben. Hier könnt ihr einen Blick ins Archiv werfen.

Weiter Geschichten aus dem Wendland:

Mit freundlicher Unterstützung von TourismusMarketing Niedersachsen GmbH* , und an Laura Selenz und das Marketingbüro Wendland.Elbe*, die mich zu einer Pressereise ins Wendland eingeladen haben.

Mein besonderer Dank geht an Barbara und Kenny Kenner vom Biohotel Kenners Landlust*, die immer ein offenes Ohr und coole Tipps für uns hatten. 

Biohotel Kenners LandLust

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Dieser Artikel enthält Links zu Produzenten und persönliche Empfehlungen von mir. Ich bin dafür weder bezahlt noch beauftragt worden, doch da ich Produkte nenne, kennzeichne ich es als Werbung

2 Antworten auf „Wendland im Wandel – Fluch und Segen“

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