Auf Kühe schauen – und lernen

Magst du Kühe? Also natürlich nicht diese eingefärbten-weichgespülten-schokoladeduftenden Designobjekte im Vorabendprogramm oder den bunten Magazinen mit wohlfühl-heile-Welt Faktor. Echte Kühe – agrarsprachlich korrekt: Rinder.

Kuh

Ich finde sie sensationell. Beruflich treffe ich durch sie auf ganz unterschiedliche Herausforderungen. Das ist nicht leicht, aber bringt mich in meiner Arbeit visuell, technisch und menschlich weiter. Und macht Spaß.

Kreativität und Improvisationsbereitschaft – Rotes Höhenvieh

Kühe sind Herdentiere und extrem vorsichtig. Wenn sie, wie dieser Trupp jugendlichen Roten Höhenviehs abseits des Trubels ganz idyllisch und gechillt im Wald leben, wird so ein unbekannter Mensch sogleich zum Tageshighlight. Und muss in voller Truppenstärke in Augenschein genommen werden. Da zeigt sich, wer sich vor traut und wer mal lieber die anderen machen lässt.

Da diese Burschen nun so schnell nicht wieder zur Ruhe kommen und sich auf gar keinen Fall hinlegen (in dieses ach so wunderbar duftige Gras – *Mist, Mist, Mist *- das sieht besser aus als in den Hochglanzmagazinen!), braucht es pfiffige Ideen, um gescheite Videos/Fotos zu schießen.

Wohl der Journalistin, die einen tatkräftigen Profifotografen mit langer Teleskopstange so ganz zufällig dabei hat 😉

Die Rinder fanden es grandios. Ich auch.

Wobei dies Foto für die eigentliche Idee, also einen Beitrag für mein neues Buch über Alte Rassen und mit dem Roten Höhenvieh, nicht geeignet ist. Leider. 

Doch Thomas Geiger hat die Kühe wunderbar beschäftigt und ich konnte mich prima anpirschen 😉

Rotes Höhenvieh

Zeitmanagement und Pünktlichkeit – Murnau Werdenfelser Rinder

Ohne Planung geht gar nichts. Kühe haben – genau wie alle anderen Tiere – feste Rituale, die den Tag unterteilen. Der Mensch hat die Wahl, diesen Zeitplan zu akzeptieren und sich danach zu richten oder nicht. Also eigentlich nicht, denn „oder nicht“ ist keine Option 😉

Bei bis zu 10 Ruhephasen verstreicht etwa der halbe Kuhtag recht angenehm. Je freier und artgerechter Rinder gehalten werden, desto deutlicher wird das. Bei den Murnau Werdenfelser Rindern, die auf dem Archehof Schlickenrieder in Otterfing frei zwischen Laufstall und Weide wählen können, muss frau sich mächtig sputen.

Denn es ist Ende August und seit Tagen richtig heiß. Die Kühe streben nach einer kurzen Weiderunde schnurstracks zurück in den Stall. Dort ist es deutlich angenehmer, wenn die Sonne höher steigt.

Ich filme heute für die Bonner Ernährungstage 2020 – es geht um „Intelligente Verpackung“. Jürgen Lochbihler will ich dazu interviewen und bei den Rindern – die nicht seine eigenen sind – filmen. Also abgesehen davon, dass die Kühe weg wollen wollen sie auch nicht zu ihm hin… und auch sein Zeitfenster an diesem Morgen ist megaschmal.

Murnau Werdenfelser Rinder

Mein Trick: ich bin schon deutlich vor dem vereinbarten Temin vor Ort, kann mich in dieser Zeit räumlich orientieren, mein Equipment bereit machen und sogar schon ein paar Fotos und Schnittbilder einfangen.

Denn ich bin hier nicht die Herrin der Zeit – das sind die Kühe.

Gelassenheit und Geduld – Kühe und ihr Gangbild

Meine Aufgabe: die Hufe der Kühe möglichst close zu filmen und zu fotografieren – natürlich in der Bewegung. Alles andere wäre zu einfach. Es geht im Projekt SoundHooves darum, mithilfe von Schallanalyse den Zustand der Kühe aufgrund ihres Tritts zu diagnostizieren und dadurch das Tierwohl nachhaltig zu verbessern.

Kuhhuf

Kühe sind immer interessiert, vorsichtig, groß und ziemlich unberechenbar. Da ist nicht mal einfach: hingehen, runter beugen und filmen. Und dank Corona ist gar nicht daran zu denken, im Stall oder Melkstand zu drehen. Da wäre ich echt leichter (und gefahrenloser) nah ran gekommen.

Also muss ich warten, bis sie von der Weide zum Melken gehen und suche mir eine möglichst enge Passage. Hoffe natürlich, dass sie möglichst im Trupp vorbeiflanieren. Aber es ist, wie es ist.

  • Sie haben es heute mal so gar nicht eilig.
  • Jede kommt mehr oder weniger allein daher und hat dadurch natürlich Platz, den Abstand zu mir auf das absolute Wohlfühl-Maximum zu erhöhen.
  • Flanieren ist ja schon nicht so schnell und dynamisch wie Laufen, aber was die mir bieten, ist eher – längeres Stehen an verschiedenen Stellen des Weges.
  • Ganz gleich wie doll der Hirte drängt: meine Kamera, mein Smartphone und ich werden in aller Seelenruhe begutachtet, eingesabbert und angeschnaubt.
  • Und rückwärts können sie natürlich auch gehen…

Ihr merkt schon – da hilft nur Geduld. Sitzen bleiben, nicht aufregen – weder mich noch die Kühe.

Wie lange ich da gesessen habe? Na ja – so lange, bis alle vorbei waren (also eine gute Stunde). Und dann flugs hinterher, denn der Dreh war damit natürlich nicht vorbei…

Blogaktion

„Zum Wert von Natur in der Selbständigkeit“ ist eine wunderbare Idee meiner Kollegin Silke Bicker, die mit dieser Aktion zeigt, wie wichtig das Miteinander und der Blick über den Tellerrand gerade für Soloselbstständige ist.

Täglich erscheinen bis Weihnachten Beiträge auf ganz unterschiedlichen Blogs und mit ganz anderen Aspekten zur Bedeutung der Natur in unserem Leben und Arbeiten, die Silke hier verlinkt. Zu finden sind die Beiträge auch unter dem hashtag #NaturSichtBlogaktion.

Und so kann ich euch ans Herz legen – lernt von den Kühen

  • Gelassenheit
  • Gemeinschaftssinn
  • Vorsicht
  • Wissbegierde
  • Pünktlichkeit
  • Ruhe

Auch oder gerade weil die Arbeit mit Tieren eine große Herausforderung ist, sie befriedigt ungemein. Denn frau muss sich auf deren Tempo einlassen, muss Pläne umstellen, kreativ und spontan sein und das Ergebnis ist immer ein Geschenk.

Und mir ist erst jetzt aufgefallen, wie häufig ich allein mit Kühen schon coole Aktionen erlebt habe – z.B. mit dem Allgäuer Braunvieh – nur echt mit Alphorn.

Allgäuer Braunvieh

Eine Antwort auf „Auf Kühe schauen – und lernen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.